Archiv der Kategorie: Sonnett

Des Prinzen Wunsch — The prince’s wish


Die Farben des Kaktus

Des Prinzen Wunsch

Die Brücken wehen über den Asphalt,
ein Pfeiler schreit, ein andrer Pfeiler lacht,
Beton zerbirst und bildet einen Schacht,
aus dem ein Wimmern stahlzerreißend schallt.

Ein Feuerregen webt die Hochzeitstracht.
Die Erde wird, so heißt es, langsam alt.
In Fieberträumen schleicht sie durch den Wald;
der hat sich gleichfalls auf den Weg gemacht.

Durch Fluchten ziehen Winde Nebel nach,
die Eisenbahnen stieren unverwandt,
auf Lava schwimmen Hüte durch das Land.

Derweilen geht der Prinz in sein Gemach,
ruft: „Staub zu Staub! Hinweg mit all dem Tand!“
Und schon zerfällt auch seine Burg zu Sand.

The Prince’s wish

The wind blows bridges over the asphalt,
a pillar screams, another pillar laughs,
and concrete shatters — forming wooden staffs,
from which a whimpering steel-shrill exalts.

A firy rain weaves one white wedding dress.
The earth is said of being getting old.
In fever dreams it sneaks across the mold;
the trees have also started to transgress.

Across streight lines, the wind mops up the fog;
the railways – all – are staring like some fools.
Hats slowly float across the lava band.

Meanwhile, the prince goes in his precious room;
he cries: „Dust shall be dust! Away! Into the doom!“
His castle started to decay to sand.

Das große Eins plus Eins — The big one plus one


Haltepunkt Dresden Pieschen

Das große Eins plus Eins

Eins plus Eins plus Eins plus Eins plus
Eins plus Eins plus Eins plus Eins plus
Eins plus Eins plus Eins plus Eins plus
Eins plus Eins plus Eins plus Eins plus

Eins plus Eins plus Eins plus Eins plus
Eins plus Eins plus Eins plus Eins plus
Eins plus Eins plus Eins plus Eins plus
Eins plus Eins plus Eins plus Eins plus

Eins plus Eins plus Eins plus Eins plus
Eins plus Eins plus Eins plus Eins plus
Eins plus Eins plus Eins plus Eins plus
Eins plus Eins plus Eins plus Eins plus

Eins plus Eins bis in die Unendlichkeit mit Fleiß
ist minus einhalb, wie jeder weiß.

The big one plus one

One plus one plus one plus one plus
One plus one plus one plus one plus
One plus one plus one plus one plus
One plus one plus one plus one plus

One plus one plus one plus one plus
One plus one plus one plus one plus
One plus one plus one plus one plus
One plus one plus one plus one plus

One plus one plus one plus one plus
One plus one plus one plus one plus
One plus one plus one plus one plus
One plus one plus one plus one plus

One plus one to infinity in endless rows
Is minus a half, as everyone knows.

Einen Kaffee will ich trinken – Coffee


HUTSCHI-SONY - Kaffee1

Einen Kaffee will ich trinken

Einen Kaffee will ich trinken,
nur ein Stückchen Würfelzucker
soll zuvor darin versinken.
Nur ein Stückchen Würfelzucker.

Nur ein Stückchen Würfelzucker
soll zuvor darin versinken,
einen Kaffee will ich trinken,
leicht gesüßt mit Würfelzucker.

Und der Zucker löst sich bald
auf, ich rühre unterdessen,
und er wechselt die Gestalt -,

löst sich auf, ich rühre, rühre -,
und er löst sich auf indessen,
und ich rühre, rühre, rühre.

 

Coffee

Coffee is a real drug,
with a little sugar cube
sinking right into the mug.
pretty little sugar cube.

Just a little sugar cube,
sinking right into the mug,
gives the coffee a big hug,
pretty little sugar cube.

And the sugar dissolves soon.
I stir meanwhile with the spoon
just to dissolve sugar soon.

And I stir, I stir, I stir
with a pretty little spoon,
what a drug! I stir, I stir.

Sonata 18 (in Dutsch von Hutschi, Original von Willi Schwinglanz)


18

Fühlst du nicht üppig in dir Mai und Kraft?
Trägst du in dir das Kind, das schläft und wacht?
Ist das nur Trugbild, Loch, das in dir klafft?
Nur Illusion, Phantom, das lauthals lacht?
Das All glüht stark, nur nimmst du das nicht wahr,
wo Gold nicht schmilzt, wo sich Natur nicht fügt,
klingt Schlag für Schlag und trägt dich durch das Jahr,
was schön ist, wirkt, und auch, was lügt und trügt.
Tod trägt Ruin als Purpurpracht dir an,
so schön und blass – und wächst alsbald zur Macht,
holt dich als Frau und wahrlich auch als Mann,
so wirst du Glut, und glimmst noch bis zur Nacht.
Man sagt, was Gott und Satan tun, ist toll,
das Uhrglas war mit Sand noch vorhin voll.

Hutschis Sonettkochbuch – Sonett, verfeinert und wohlgereimt


Hutschis Sonettkochbuch

3. Sonett, verfeinert und wohlgereimt

Zutaten:

  • für die Verse: jeweils 5 Jamben im Vers mit männlicher oder weiblicher Kadenz
  • für die Quartette: jeweils vier Verse mit zweimal zwei Reimen, Reime im ersten und zweiten Quartett sind gleich
  • für die Terzette: jeweils drei Verse mit dreimal zwei Reimen

Reimform: abba abba cdc cdc

Die Reimstruktur im klassischen Sonett
ist strenger, als im Grundrezept beschrieben,
man setzt da nicht die Reime nach Belieben,
das zweite gleicht dem führenden Quartett,

es wäre schön, wenn man stets Reime hätt’,
hat man genügend Reime aufgetrieben,
muss man sie an die rechte Stelle schieben,
man glättet sie auf einem Bügelbrett.

Die letzten beiden Strophen scheinen leicht,
sie fließen fast von selbst dir aus der Feder,
wenn man sie mit dem ersten Vers vergleicht.

Sonetteschreiben, scheint es, das kann jeder,
jedoch: bevor man hier sein Ziel erreicht,
braucht man für Pergament gehörig Leder.

Hutschis Sonettkochbuch – Grundrezepte


Hutschis Sonettkochbuch
2. Grundrezept für ein Alexandrinersonett

Zutaten:

  • für die Verse: jeweils 6 Jamben im Vers mit männlicher oder weiblicher Kadenz, Mittelzäsur in den Versen
  • für die Quartette: jeweils vier Verse mit zweimal zwei Reimen
  • für die Terzette: jeweils drei Verse mit dreimal zwei Reimen

Reimform: abba cddc efe fef

Gedichtet wird hierbei nach einem neuen Plan:
der Jamben sind jetzt sechs, und darum setze stur
genau im Zentrum drin pedantisch ‘ne Zäsur,
und mach so jeden Vers zu deinem Untertan.

Die erste Strophe ist – wie immer – ein Quartett,
du rangst gleich mit der Form am Ende nächtelang,
auf dass der Außenreim den Mittelreim umschlang,
die zweite Strophe wird dabei genauso nett.

Dann füge als Terzett die dritte Strophe ein,
wobei der Außenreim den Mittelvers umschlingt
auch hier muss die Zensur stets in der Mitte sein.

Die vierte Stophe ist, durch diese Form bedingt,
genauso aufgebaut, der Reim gehört hinein,
auf dass der gleiche Reim gemächlich weiterschwingt.

Hutschis Sonettkochbuch – Grundrezepte


Hutschis Sonettkochbuch

1. Grundrezept für ein deutsches Sonett

Zutaten:

  • für die Verse: jeweils 5 Jamben im Vers mit männlicher oder weiblicher Kadenz
  • für die Quartette: jeweils vier Verse mit zweimal zwei Reimen
  • Für die Terzette: jeweils drei Verse mit dreimal zwei Reimen

Reimform: abba cddc efe fef

Das Grundrezept für das Sonett ist leicht:
Jeweils fünf Jamben bilden vierzehn Zeilen,
man muss sie nur geeignet unterteilen,
dass das Gedicht vier Strophen bald erreicht.

Die erste Strophe bildet ein Quartett,
und hast du mit der Form genug gerungen,
dann ist der Mittelreim geschickt umschlungen,
man wiederholt das für die zweite ganz adrett.

Terzette sind die letzten beiden Strophen,
da wechseln sich die Reime ständig ab.
„Das geht auch besser!“, meinen Philosophen

zu deinem Werke, und sie halten dich in Trab,
und so erneuerst du noch mal die doofen
Gebilde, aber mach dabei nicht schlapp.

einer weißen kerze brennen


du lausche einer weißen kerze brennen
nimm all ihr wachs in deine beiden hände
und forme duft und wage ihn zu kennen
erneuere die farbe aller wände
lass perspektiven vor der nacht gerinnen
das bild der kerze scheinen im gelände
lass schatten tropfen von gemalten zinnen
gebrochene tassen seien traum der klänge
die neue falten in der zeit ersinnen
verwirrung herrsche mitten in gedränge
zwei nudeln kleben an der blauen fliese
in allen tönen fauchen die Gesänge
der klee lockt bienen auf der bunten wiese
du wirst den ersten namen heute nennen

ein brautschleier hängt zerrissen zwischen den zweigen


mir scheint als sei ich seit gestern gefalten
im umschlag verborgen und mit flecken von tinte besät
mutter regen fragt ob der briefkasten heute noch steht
ich sehe ihn nicht die erde ist zu zwei hälften gespalten

die spalte bin ich ein uniformierter postbote schreitet
zwei masken fallen vom himmel herab und erstarren
neben sternen engeln oliven gezuckerten feigen und narren
die antwort trägt einer im mantel verborgen und reitet

auf einer der kleewiesen in schlamm oder asche
über brocken aus lehm in den hain stöcke liegen zersplittert
ein hungerkünstler hat klänge zusammengeklittert

ein brautschleier hängt zerrissen zwischen den zweigen
der plattenspieler beginnt zu schweigen
und ein kaugummi klebt in der hosentasche

Sprachverfall (aus dem Buch Ferdinand)


Ferdinand besuchte August Schleicher,
klopfte an die Tür und sprach „Grüß Gott!
Sagen Sie, wird unsre Sprache reicher?“
„Nicht doch – die verfällt in ihrem Trott;

lange schon ist der Dual verblichen,
ach, was hatten wir für reiche Fälle,
und die schönsten Laute sind entwichen,
Sprachgerippe blieb an ihrer Stelle.

Nur Verfall seh‘ ich in unsrer Sprache,
seit sie einst in die Geschichte drang,
übrig blieben Löcher nur und Brache,
und mir wird vor ihrer Zukunft bang.

Ach, wie mancher Laut einst rein erscholl,
schön die Zeiten, als der Hund noch boll.“