Fremd — Like from another Planet


Linie 9, Dresden

Fremd

Ich fühle mich fremd,
fremd in meiner Haut,
wie von einem anderen Planeten.
Was mich umgibt,
all das Gerassel,
ist mir fremd.
Meine Gedanken scheinen so unwesentlich.
Unwichtig für die anderen.
Unwichtig und wichtig,
wo liegt da schon der Unterschied?
Außerplanetarier,
die Menschengesichter –
wie ähnlich sie sind.
Ich habe gelernt, Trauer und Lachen zu unterscheiden,
erkenne sogar Zorn:
Das Gesicht zieht sich in Falten und die Stimme wird laut.
Habe Migrationshintergrund vom All,
weiß nicht, woher.
Man versteht mich nicht,
wenn ich spreche, versteht man mich nicht.
Jedes einzelne Wort zwar, aber nicht mich.
Doch das macht mir nichts aus, denn ich weiß.
Ich bin auf der Suche,
suche anders als all die anderen,
Regeln im Chaos der Gefühle,
suche Parallelen ab nach Krümmungen
und „i“-Punkte nach ihren Regeln.
Jeder Punkt hat
seine Charakteristik, jeder
Laut.
Ich halte die Schwebungen auseinander,
erkenne den Zorn, da sich die Stimme erhebt,
die Stille wird schrill:
„Wann räumst du endlich deinen Sauladen auf?“
Ja wann.
Für mich ist anderes wesentlich.
Jedes Ding muss seinen Platz haben im Chaos,
jeder Buchstabe seinen rechten Fleck,
jeder „i“-Punkt seine Krümmung.
Manchmal vereinigt sich der Punkt mit dem „f“ zu „fi“.
Als ich ankam, hatte ich meine Sprache vergessen,
jede Sprache vergessen,
saugte Milch.
Die Luft erwies sich als angenehm und atembar,
ich war mir nicht bewusst, wo ich war,
lernte alles.
Lernte, in Gesichtern zu lesen,
Antworten zu geben,
und dumme Antworten zu vermeiden.
Unwichtiges ist wichtig für mich und wenige andere.
Was gehört nicht in die Reihe:
Zwei, drei, fünf, sieben, neun?
Natürlich die Neun, sage ich.
Nein, die Zwei ist die richtige Antwort.
Eins, drei, fünf, sieben …
Weche Zahl folgt?
Fünf.
Niemand sagt, das sei falsch.
Aber ich sehe an den Gesichtern, sie glauben mir nicht.
Ich stehe an der Haltestelle und denke.
Ringsum die Farbflecken
bewegen sich.
Ich sehe nicht.
Seit fünf Minuten schaut mir ein Freund in die Augen.
Sagt er.
Ich sage „Guten Tag!“
Ich höre einen Witz.
Ich sollte jetzt lachen.
Ich lache.
Der Lehrer fragt etwas, während ich schlafe.
„Können Sie bitte die Frage wiederholen, ich habe sie nicht verstanden?“
Und dann antworte ich. Da ich geschlafen habe, antworte ich anders, aber es stimmt.
Ich schlief oft.
Oder ließ Miniaturkugeln über das Pult rollen.
Es war so interessant, ihre Bahn
zu verfolgen.
Dann hatte ich einen Schulfreund,
endlich,
der sich auch für Transistoren interessierte.
Und ich blieb ein Bewegungsmonster.
Fremd halt.
Könnte ich doch tanzen.
Die Haare werden grau.
Eine Gesellschaft wechselt die andere ab.
Und doch ändert sich nichts.
Ich laufe durch Gelee,
die Stiefmütterchen wandeln sich zu Erdbeereis.
Eins, drei, fünf, sieben, fünf, drei, eins, neun, elf, dreizehn, elf, neun, elf neunundneunzig.

Das Fernsehen.

Das Radio.

Geschwafel. Nichts weiter.


Like from another Planet

I feel strange,
a stranger in my own skin,
like from another planet.
What surrounds me,
all the rattling,
is foreign to me.
My thoughts seem so insignificant.
Unimportant for the other.
Unimportant, important,
where’s been the difference?
I am alien,
people faces –
how similar they are.
I learned to distinguish sadness and laughter,
even to recognize anger:
Faces have their place in wrinkles
and the voice is loud.
My migration background is space,
nobody does not know where.
You do not understand me,
if I do not speak,
no one understands me.
Every single word they understand, but not me.
But that does not bother me, because I know.
I’m looking,
Seeking differences from all the others,
Rules in the chaos of feelings,
seeking parallels in curvatures
and curvatures in parallels
and explore the letter „i“.
Each dot
its characteristics, each one.
I keep apart the beats,
recognize the anger because it raises its voice,
the silence is shrill:
„When do you clean up your stable?“
Yes, when.
For me, another part is essential.
Every thing must have its place in chaos,
each letter its right place,
every „i“ point its curvature.
Sometimes the point is combined with the „f“ to „fi“.
When I arrived, I had forgotten my language,
Forgotten each language,
sucking milk.
The air was found to be comfortable and breathable,
I was not aware of where I was,
learned everything.
Learned to read faces,
To provide answers,
and to avoid stupid answers.
Unimportant is important to me and a few others.
What does not belong in the series:
Two, three, five, seven, nine?
Of course, nine, I say.
No, „two“ is the correct answer.
One, three, five, seven …
Which number follows?
Five.
No one is saying this is wrong.
But I look at the faces, they do not believe me.
I’m standing at the bus stop — thinking.
All around the color patches
move.
I do not see.
Five minutes ago I watched a friend’s eyes.
He watched me.
I say „Hallo!“
I hear a joke.
I should laugh now.
I laugh.
The teacher asks a question while I’m sleeping.
„Can you please repeat, I did not understand?“
And then I answer. As I slept, I answered differently, but it’s true.
I often fell asleep.
Or let miniature balls roll across the desk.
It was so interesting
to follow their web.
Then I had a school friend,
at last,
also interested in transistors.
I became a monster of movement, in my movements.
Foreign, see.
Could I but dance.
My hair is gray.
One society changes to another.
And yet nothing changes.
I walk through jelly,
the pansies are transformed into strawberry ice cream.
One, three, five, seven, five, three, one, nine, eleven, thirteen, eleven, nine, eleven ninety-nine.

The television.

The radio.

Ramblings. Nothing more.

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6 Antworten zu “Fremd — Like from another Planet

  1. Danke, Puzzleblume.

  2. Oh, I am so moved by this, I sense the emotion in it. The effort to relate, commune, this is wonderful, brilliant.

  3. Thank you, Holly.
    It includes lots of autobiography.

  4. virtuelle Umarmung, great job. 🙂

  5. Freut mich ser, Dein Kommentar, Heart.

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