Gedichte als fraktale Gebilde, Betrachtungen zur Selbstähnlichkeit in der Dichtkunst


(2002)

Oft frage ich mich: Wie kommt es, dass ich bereits nach wenigen Zeilen, die ich in einem Buch gelesen habe, weiß, dass ich weiterlesen möchte?
Und dabei bin ich selten enttäuscht. Bei einem Werk, aus dem ich wenige Zeilen herauslöse, kann ich anhand dieser wenigen Zeilen bereits erkennen, ob es mir gefällt.

Wenn ich ein Gedicht betrachte, sehe ich (in den meisten Fällen) sofort, dass es sich um ein gedicht handelt, selbst, wenn ich die Sprache nicht kenne, solange ich in einem ähnlichen Schriftsystem bleibe.

Wenn ich ein Gedicht lese, fallen oft merkwürdige Unstimmigkeiten auf, in einem ganz normalen Text, der grammatisch und ortografisch völlig in Ordnung ist.

Alle diese Betrachtungen haben eine gemeinsame Ursache: die fraktale Struktur oder Selbstähnlichkeit eines Werkes.

Diese ist sehr leicht in Gedichten zu entdecken, aber auch in Geschichten, Romanen und anderen Werken.

Was ist ein Fraktal?

Für die Geometrie sagt der Brockhaus:

Fraktalgeometrie, befasst sich mit bestimmten komplexen Gebilden (Fraktalen), die ähnlich in der Natur vorkommen (z. B. eine Küstenlinie). Solche Fraktale besitzen 1) die Eigenschaft der Selbstähnlichkeit (jeder kleine Teil hat die gleiche Struktur wie das Gesamtobjekt) und 2) eine gebrochene (fraktale) Dimension (zw. einer Ebene und einem Körper). Die F. hilft komplexe Naturerscheinungen mathematisch zu erfassen und am Computer zu simulieren.
Quelle: Der Brockhaus in einem Band

Beides trifft auf ein Gedicht zu.

1. Selbstähnlichkeit

1.1. Die Gedichte haben Verse und Strophen, sind also hierarchische Systeme.

Die Verse haben einen Aufbau, durch den sich ihre Rhythmik ergibt, sie haben einen Inhalt, der innerhalb eines gedichtes selbstähnlich wirkt, wobei Ähnlichkeit nicht ausschließlich Gleichheit bedeutet, so gibt es oft eine Schlußpointe, diese zeichnet sich, selbst wenn sie das vorher gesagte aufhebt, durch den Zusammenhang und die Ähnlichkeit mit dem vorigen Text aus.

Die Ähnlichkeit betrifft also nicht nur die formale sondern auch die inhaltliche Struktur.

Betrachten wir verschiedene Werke:

Abzählreim:

ene mene mu
und raus bist du

Beide Teile sind sich ähnlich in Rhythmus und in der Reimstruktur. Sie sind auch quasi streng getaktet.
Dabei weiß niemand, was „ene mene mu“ bedeutet. Das macht aber nichts, es reiht sich in das Gesamte ein, das auch noch dazu mit jedem der Teile ähnlich ist.

Wenn ich schreiben würde,

ene mene mu
und geh mal nach Hause,

so bleibt ein unbefriedigendes Gefühl. Man fühlt sich versetzt. Enttäuscht, veralbert.

Dabei kann die Aussage die gleiche sein. Du bist raus, du kannst gehen.

Nur, wenn man den Vers „Ene mene mu und raus bist du“ kennt, so bildet sich in den inneren Gedanken ein neues Werk, das zusammengesetz ist aus dem (stummen) Original und der (schlechten) Nachahmung.
Je nach Situation sagt man dann „Spielverderber“ oder zieht sich zurück, oder ergreift selbst die Initiative.

Ein weiteres Beispiel:

Walle walle manche Strecke, dass zum Zwecke Wasser fließe und mit reinem vollem Schwalle zu dem Bade sich ergieße.

Goethe schrieb nicht:

Fließe, Wasser, auf dem Boden, dass zum Zweck Wasser fließe und mit reinem vollem Schwall zu dem Bad dient.

Das wirkt nicht, die Selbstähnlichkeit ist zerbrochen.

Ein weiteres Beispiel aus der Weltliteratur:

Morgenstern:
Das Große Lalula

Kroklokwafzi? Semememi!
Seiokrontro – prafriplo:
Bifzi, bafzi; hulalemi:
quasti basti bo…
Lalu lalu lalu lalu la!

Hontraruru miromente
zasku zes rü rü?
Entepente, leiolente
klekwapufzi lü?
Lalu lalu lalu lalu la!

Simarar kos malzipempu
silzuzankunkrei (!
Marjomar dos: Quempu Lempu
Siri Suri Sei []!
Lalu lalu lalu lalu la!

Dieses Gedicht – man sieht sofort, es ist ein Gedicht, ist in einer eigenen musikalischen Sprache geschrieben. Aber die Teile sind selbstähnlich und wirken.

Gegenbeispiel:

Simarar kos malzipempu
silzuproitreerei

Die Selbstähnlichkeit ist durchbrochen, es geht nicht.
Nur durch den Anklang zum Lalula selbst wirkt es innerlich immer noch, wenn auch als schlechte Parodie.

2. Gebrochene Dimension

Eine Gerade hat eine Dimension, ein Punkt hat 0 Dimensionen, eine Ebene deren zwei.

Ein Fraktal: die Dimension läßt sich nicht genau bestimmen.
So wird die Linie einer Küste immer länger, je genauer man mißt. Die Länge der Küste ist vom Meßwerkzeug, vom Wissen abhängig.

Beim Gedicht ist es ähnlich.

Es kann eine eindeutige Aussage zu haben, quasi eindimensional sein. Aber in der Praxis ist das nicht möglich, obwohl sich Gedichte in der Nähe von eins bewegen können.

Dazu gehören oft polemische Gedichte, die als Aufruf gedacht sind:

Bau auf, bau auf, bau auf, bau auf,
Freie Deutsche Jugend, bau auf!

Die Selbstähnlichkeit ist hier gegeben, aber die Ebene ist in der Nähe des Eindimensionalen.

Die Partei, die Partei, die hat immer recht!

Hier ist die Eindimensionalität erreicht.

Gute Gedichte haben gebrochene Dimension, sie lassen sich nicht eindeutig fassen.

Teile der Dimensionen sind durch das Wissen des Lesenden oder Zuhörenden bestimmt.

Andere Teile durch die Mehrdeutigkeit des Wortes.

Nehmen wir den Satz:

Ich lese.

Das scheint völlig eindeutig. Das ist es aber nicht. Lese ich laut oder leise? Intensiv oder oberflächlich? Alle Zwischenstufen sind möglich.

Ein und dasselbe Gedicht kann sehr verschiedene Inhalte haben.

Nehmen wir:

Sah ein Knab ein Röslein stehn, Röslein auf der Heiden

da hat ein junger Bursche eine Rose gesehen.
Was denn noch?

Die Rose ist Symbol für ein Mägdelein.
Was denn noch?

Jetzt müsste ich ins Forum für Erotisches, wenn ich vor zweihundert Jahren gelebt hätte. Aber diese bedeutung der Rose ist heute vergessen.

Ein anderes Beispiel:

Nehmen wir einen Haiku

Wolfpelz abstreifen,
über den Sessel werfen,
ich bin wieder Schaf

Dieser Haiku wirkt mehrdimensional, indem er die Kenntnisse von Märchen anspricht.
Und indem er den Willen, Schaf zu sein, oder Wolf, ins absurde verkehrt.

1. Nachtrag (September 2010):
Ein von mir bis jetzt noch nicht beschriebener Aspekt ist die Iteration, die Entstehungsgeschichte des Gedichtes.

Ein Gedicht entsteht nicht plötzlich aus nichts, sondern ist eine in Leben gerückte Zusammenfassung innerer Gedanken, ein Kulminationspunkt des Chaos. Durch Selbstverstärkung und Rückkopplung der Nervenzellen entstehen Teile unbewusst. Fertige Teile des Gedichtes gehen als Ausgangspunkt wieder in den Prozess der Gestaltung ein. So verändert sich das Werk und nimmt Formen an, die Regeln entsprechen und den Inhalt darstellen. Wenn etwas im Gedicht nicht perfekt ist, wirkt es störend, die Harmonie ist nicht vollständig, das Optimum ist nicht erreicht.
Besonders störend wirken Fehler in Reim und in Rhythmik (die mehr umfasst als Rhythmus).

In diesem Prozess kann es dazu kommen, dass Langeweile eintritt. Die Iteration führt zu Wiederholung. Es gibt eine Art Bifurkation, einen Verzweigungspunkt, an dem man zwischen zwei Fassungen schwankt. Durch eine Änderung der Parameter kann man aus diesem Zustand herauskommen.

Es gibt Bereiche äußerster Stabilität, ein Gedicht erscheint perfekt, jeder Punkt ist an seinem Platz, jedes Komma und jeder Buchstabe.

Es gibt divergierende Zonen, das Gedicht wird nicht fertig, es fehlt etwas, ein neuer Zyklus bringt es nicht voran, das kann tagelang so gehen, bis man die Lösung hat, oder das Werk verwirft.

Es gibt Zonen, in denen man ein Gedicht verändern kann, ohne dass es sich wirklich ändert, viele Möglichkeiten, Wörter zu tauschen oder zu ändern.

In jedem Falle führt der Prozess zu einer gewissen Selbstähnlichkeit.

Man kann die Parameter erweitern, so kann man ein Gedicht zur Diskussion stellen und damit die Rückkopplungsprozesse verstärken. Hierbei gibt es oft ganz neue Ideen, es gibt aber auch Zonen, die jede Idee abbrechen, beispielsweise verliert man die Lust, wenn die Rückkopplung zu „negativ“ ist bzw. die negative Rückkopplung überwiegt.

2. Nachtrag September 2010

John Briggs und David Peats beschreiben in ihrem Werk „Die Entdeckung des Chaos“ auf Seite 301 ff. ebenfalls die „Fraktale Natur des Geschaffenen“.

Sie schreiben dazu u.a.:

Zitat: „Wenn ein Dichter eine Nuance sich entfalten lässt, so ist das wie die Iteration einer Gleichung im Grenzbereich zwischen der Ordnung des Endlichen und dem Chaos des Unendlichen. Der Schöpfer entdeckt die Selbstähnlichkeit.“

Sie betrachten die Selbstähnlichkeit an einem Gedicht von Richard Wilbur „Die Schriftstellerin“.

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